Die Sammlung Arina Kowner

Ulrich Schmid
Dr. phil., Professor für Kultur und Gesellschaft Russlands an der Universität St. Gallen, Stiftungsrat

Arina Kowner hat in Zürich eine der wichtigsten und umfassendsten Sammlungen zur russischen Gegenwartskunst zusammengetragen. Zentrale Werke von fünfzig massgeblichen Künstlern, vor allem aus den sowjetischen 1970-er und 80-er Jahren sowie aus den 90-ern, nach der Wende, bilden den inneren Kern dieser Sammlung. Das Besondere ist, dass beide Zentren der zeitgenössischen russischen Kunst – Moskau und das damalige Leningrad – vertreten sind.

Das Spektrum der Stilrichtungen der russischen Gegenwartskunst ist aussergewöhnlich breit. Die Moskauer Konzeptualisten Ilja Kabakov, Erik Bulatov und Dmitri Prigov versuchten, das überbordende Pathos der offiziellen Sowjetkultur ihren eigenen ästhetischen Zwecken dienstbar zu machen. Ihr Ziel bestand darin, die künstlerische Potenz der kommunistischen Diktatur sinnfällig ins Bild zu setzen. Dazu griffen sie oft auf visuelles Propagandamaterial aus der Sowjetzeit zurück und stellten es in einen neuen Kontext. Dabei wurde deutlich, wie politische Ideologie auf das reine Pathos der Expressivität reduziert werden kann. Kabakov, Bulatov und Prigov kritisierten zwar das Sowjetsystem grundlegend, waren aber gleichzeitig fasziniert vom totalitären Anspruch des kommunistischen Projekts, dessen ästhetische Möglichkeiten sie in ihren eigenen Arbeiten ausloteten.

 

Erik Bulatov, Ohne Titel (Himmel vergittert), 1999
Erik Bulatov
OT (Himmel vergittert), 1999, Blei/Buntstift auf Papier, 25 x 20 cm, ©E.Bulatov
Erik Bulatov, Schwarzer Abend - weisser Schnee, 2000
Erik Bulatov
Schwarzer Abend - weisser Schnee, 2000, Blei/Buntstift auf Papier, 26 x 26 cm, ©E. Bulatov

Ein so anspruchsvolles Programm setzte allerdings beim Betrachter eine kunsttheoretische Vorbildung voraus. Deshalb bildete sich in den neunziger Jahren eine Gruppe unter dem Namen Medizinische Hermeneutik heraus, die bei der schwierigen Verstehbarkeit von zeitgenössischer Kunst erste Hilfe leisten wollte. Dabei verfiel sie auf durchaus rabiate Mittel: Sergej Anufriev und Sergej Bugaev-Afrika rissen die Eingangstür aus der wohl berühmtesten sowjetischen Monumentalskulptur Arbeiter und Kolchosbäuerin heraus und verwendeten das Beutestück später in ihrer Installation Donaldestruction. Bugaev modifizierte aber auch Schlüsselwerke der russischen Avantgarde wie etwa El Lissitskys berühmtes Poster Schlag die Weissen mit dem roten Keil! Bugaev verwandelte dieses Bild in ein Werbeplakat, indem er unter dem Vorwand einer 'Hommage an El Lissitsky' seinen Künstlerfreund Anufriev als Markenzeichen anpries. Er führte den Avantgardestar El Lissitsky in drei Werken ad absurdum: Schlag die Roten mit dem weissen Keil!, Schlag die Rosaroten mit dem blauen Keil! und Schlag die Grünen mit dem grünen Keil!.

Sergei Bugaev-Afrika
Sergei Bugaev-Afrika
Rot (Hommage an El Lissitzky), 1991, Acryl auf Holzfaserplatte, 100 x 150 cm, ©S. Bugaev-Afrika
Sergei Bugaev-Afrika, Rosa (Hommage an El Lissitzky), 1991
Sergei Bugaev-Afrika
Rosa (Hommage an El Lissitzky), 1991, Acryl auf Holzfaserplatte, 100 x 150 cm, ©S. Bugaev-Afrika
Sergei Bugaev-Afrika, Grün (Hommage an El Lissitzky), 1991
Sergei Bugaev-Afrika
Grün (Hommage an El Lissitzky), 1991, Acryl auf Holzfaserplatte, 100 x 150 cm, ©S. Bugaev-Afrika


Nicht nur die staatliche Ideologie, auch die Religion ist ein wichtiger Ausgangspunkt für das Schaffen der russischen Künstler. Grigori Bruskin lässt Symbole aus dem Judentum in seine Werke einfliessen, stützt sich aber auch auf christlich-orthodoxe Ikonen. Eduard Steinbergs Bilder können als Weiterführung von Malewitschs Forderung gelesen werden, mit der modernen Kunst die Metaphysik der Heiligenbilder zu beerben.

Nicht mit dem Pathos der Religion, sondern mit dem Hollywood-Starkult setzte sich Vladislav Mamyshev-Monroe auseinander. Er begann bereits während seines sowjetischen Militärdienstes in den achtziger Jahren, sich als Marylin Monroe zu verkleiden. Aufsehen erregte er auch mit seinem Autoporträt als Grabbild für Karl Marx oder einem Bild, das Stalin als Kater zeigt.

Provokation gehört bis heute untrennbar zur russischen Gegenwartskunst. In der Ära Putin haben sich die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um die Frage, was Kunst darf und was nicht, weiter verschärft. Meilensteine waren die Skandale um die Ausstellungen Achtung, Religion! (2003) und Verbotene Kunst (2006). In beiden Fällen kam es zu höchst fragwürdigen Gerichtsverfahren, in denen die künstlerische Freiheit einem patriotisch aufgeladenen Schutz der öffentlichen Sitten zum Opfer fiel.

Die zeitgenössische russische Kunst tritt immer mit einem intellektuellen Anspruch auf: Hinter jedem Bild steht eine bestimmte ästhetische Konzeption, die auf einer meist in einem Freundschaftszirkel geleisteten Denkarbeit beruht. Die wichtigsten Gruppierungen waren die Künstler um den Dichter, Komponisten und Maler Jewgeni Kropiwnizki in Lianosowo nördlich von Moskau, sowie die Art-Gruppe Muchomor (Fliegenpilz), die später von den Champions der Welt abgelöst wurde.

In der einzigartigen Sammlung Arina Kowner sind all diese wichtigen Stilrichtungen, respektive Tendenzen, der russischen Gegenwartskunst vertreten. Dabei kennen die Künstler keine Berührungsängste: Sie machen gestalterische Anleihen bei der Hagiographie, dem Konstruktivismus, der Avantgarde, dem Sozrealismus und beim postmodernen Kitsch. So regen sie die Zuschauer an, ihre eigenen Sehgewohnheiten zu überdenken und die ideologischen Implikationen der politischen und kommerziellen Ästhetik zu reflektieren.